{"id":7488,"date":"2019-07-18T09:23:54","date_gmt":"2019-07-18T09:23:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.innoform-coaching.de\/blog\/?p=7488"},"modified":"2019-07-18T09:23:55","modified_gmt":"2019-07-18T09:23:55","slug":"kleine-partikel-aber-grosses-problem-dr-ulrich-nehring-ueber-mikroplastik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.innoform-coaching.de\/blog\/2019\/07\/18\/kleine-partikel-aber-grosses-problem-dr-ulrich-nehring-ueber-mikroplastik\/","title":{"rendered":"Kleine Partikel, aber gro\u00dfes Problem: Dr. Ulrich Nehring \u00fcber Mikroplastik"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Wie sind Sie beruflich mit  gesetzlichen Forderungen hinsichtlich Verpackungen befasst?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich besch\u00e4ftige mich seit mehr als 25 Jahren mit der\nKonformit\u00e4tsbeurteilung von Materialien und Gegenst\u00e4nden, die f\u00fcr den Kontakt\nmit Lebensmitteln bestimmt sind. Dar\u00fcber hinaus arbeite ich seit vielen Jahren\nin Arbeitsgruppen verschiedener Branchenverb\u00e4nde mit, die sich mit den\nlebensmittelrechtlichen Anforderungen an Lebensmittelkontaktmaterialien\nbesch\u00e4ftigen und gegenw\u00e4rtig in engem Austausch mit dem Gesetzgeber nach einer\nzukunftsweisenden \u00dcberarbeitung und Erg\u00e4nzung der gesetzlichen Anforderungen\nsuchen.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie genau<\/strong> <strong>befassen Sie sich beruflich mit der Bewertung von <\/strong>L<strong>ebensmittelkontaktmaterialien?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In meiner beruflichen T\u00e4tigkeit gibt es eigentlich drei Bereiche, in denen ich mich mit der Beurteilung von Lebensmittelkontaktmaterialien bzw. mit Konformit\u00e4tsarbeit besch\u00e4ftige:<br>Einerseits bin ich als Gutachter bzw. Sachverst\u00e4ndiger t\u00e4tig und habe in diesem Zusammenhang die Aufgabe, die lebensmittelrechtliche Konformit\u00e4t von einzelnen Lebensmittelkontaktmaterialien im Auftrag meiner Kunden zu beurteilen und zu zertifizieren. Ich st\u00fctze mich dabei auf die sogenannten &#8220;supporting documents&#8221; und wissenschaftliche Grundlagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Bereich meiner beruflichen T\u00e4tigkeit ist die Schulung von\nverantwortlichen Mitarbeitern in Betrieben, die sich mit der Herstellung oder\nder Verwendung von Lebensmittelkontaktmaterialien und -gegenst\u00e4nden befassen.\nEs geht bei diesen Schulungen vor allem um die Vermittlung von Wissen \u00fcber die\nkomplexen lebensmittelrechtlichen Anforderungen in der EU und in anderen Teilen\nder Welt sowie \u00fcber die Details einer dem Stand der Technik entsprechenden\nKonformit\u00e4tsarbeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte Bereich meiner beruflichen T\u00e4tigkeit ist die Mitarbeit in\nfachlichen Arbeitsgruppen von Branchenverb\u00e4nden. Hier geht es gegenw\u00e4rtig vor\nallem darum, die notwendige \u00dcberarbeitung der lebensmittelrechtlichen\nAnforderungen in der EU sowie in EU-Mitgliedstaaten mit fachlichem Input\nkonstruktiv zu begleiten und voranzutreiben. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie sollten die Beh\u00f6rden l\u00e4nder\u00fcbergreifend kooperieren, um im Gesetzesdschungel mehr Sicherheit und mehr Einheitlichkeit f\u00fcr die Inverkehrbringer zu schaffen? <\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine bessere Zusammenarbeit der Beh\u00f6rden ist tats\u00e4chlich l\u00e4nder\u00fcbergreifend, das hei\u00dft in unseren f\u00f6deralen Strukturen in Deutschland als auch staaten\u00fcbergreifend in der EU, aber auch global notwendig. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In Deutschland kann man insbesondere in der amtlichen Lebensmittel\u00fcberwachung enorm gro\u00dfe Unterschiede in der Intensit\u00e4t und Kompetenz der durchgef\u00fchrten Kontrollen zu Bedarfsgegenst\u00e4nden in den Bundesl\u00e4ndern feststellen. Dies ist nicht nur schlecht f\u00fcr den Verbraucherschutz, sondern f\u00fchrt auch in den betroffenen Unternehmen, deren Aktivit\u00e4ten sich in der Regel nicht auf einzelne Bundesl\u00e4nder beschr\u00e4nken, zu gro\u00dfen Verunsicherungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf internationaler Ebene in der EU, aber auch global kann man in den vergangenen Jahren einen Trend zu nationalen Alleing\u00e4ngen bei der Gesetzgebung zu Lebensmittelkontaktmaterialien und eine nachlassende Bereitschaft zu einer Harmonisierung erkennen. &nbsp;Auch dies ist f\u00fcr den Verbraucherschutz sehr nachteilig und behindert zudem den freien Warenverkehr. Wir m\u00fcssen es also schaffen, an einen Tisch zur\u00fcckzukehren und mehr Bereitschaft zu Kompromissen aufbringen, wenn langfristig ein verbesserter Schutz f\u00fcr Verbraucher und gleichzeitig ein breites Warenangebot erreicht werden soll. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Welcher Bereich sollte aus Ihrer Sicht vom Gesetzgeber dringend geregelt werden?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der EU ist ja der Katalog von Materialklassen, f\u00fcr die es keine Einzelma\u00dfnahmen, das hei\u00dft keine spezifischen lebensmittelrechtlichen Anforderungen gibt, deutlich l\u00e4nger als der Katalog von spezifisch geregelten Lebensmittelkontaktmaterialien. Besonders problematisch ist dies sicher bei relevanten Materialklassen wie Papier &amp; Karton, Klebstoffen, Lackierungen und Druckfarben. Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte hat aber gezeigt, dass das Konzept der Rahmenverordnung mit Einzelma\u00dfnahmen f\u00fcr alle Materialklassen gar nicht realistisch umsetzbar ist. Insofern ist es sinnvoll, \u00fcber ein ganz neues Konzept nachzudenken. Genau dies wird ja auch auf europ\u00e4ischer Ebene gegenw\u00e4rtig getan. Ich hoffe sehr, dass gen\u00fcgend Mut besteht, alte Z\u00f6pfe abzuschneiden und der Verantwortung der Lebensmittelunternehmer ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht zu verleihen. Dabei darf allerdings das Prinzip der Guten Herstellungspraxis, das ja nicht nur dem Lebensmittelunternehmer abverlangt, stets nach dem Stand der Technik zu arbeiten, sondern auch seine Sorgfaltspflicht mit dem dynamischen Rahmen der technischen Machbarkeit sinnvoll begrenzt, aus den Augen verloren werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Die gesetzlichen Vorgaben werden immer strenger. Welche Konsequenzen kann das f\u00fcr Zulieferer und  Hersteller, aber auch f\u00fcr die Verbraucher haben?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine systematische und\nwissenschaftlich begr\u00fcndete Versch\u00e4rfung von Anforderungen ist ja ein Ausdruck\nder technischen Entwicklung und der sinnvollen Zielsetzung, Verbraucherschutz\nst\u00e4ndig zu verbessern. Solche Ver\u00e4nderungen der gesetzlichen Anforderungen\nwerden von keinem, auch nicht von der beteiligten Wirtschaft, abgelehnt.\nProblematisch f\u00fcr Zulieferer und Hersteller von Lebensmittelkontaktmaterialien\nsind in den vergangenen Jahren besonders solche Rechtsvorschriften gewesen, die\n\u00fcberwiegend aus politischem Aktionismus &nbsp;heraus und ohne solide\nwissenschaftliche Begr\u00fcndung entstanden sind und meistens nationale Alleing\u00e4nge\ndargestellt haben. Solche Anforderungen behindern nicht nur den freien\nWarenverkehr, sie k\u00f6nnen auch unmittelbar zu einer Verschlechterung des\nVerbraucherschutzes f\u00fchren. Ein gutes Beispiel f\u00fcr eine solche Anforderung ist\ndas Verbot von Bisphenol A in Frankreich.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie  grunds\u00e4tzlich das Risiko nicht gelisteter Substanzen ein?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das gesundheitliche Risiko von Ausgangsstoffen f\u00fcr Lebensmittelkontaktmaterialien l\u00e4sst sich ja nicht grunds\u00e4tzlich, also pauschal, sondern nur sehr spezifisch bewerten. Ich sehe keinen Anhaltspunkt daf\u00fcr, dass Lebensmittelkontaktmaterialien, f\u00fcr die keine Positivliste von Ausgangsstoffen aufgestellt wurde, grunds\u00e4tzlich ein h\u00f6heres gesundheitliches Risiko f\u00fcr Verbraucher darstellen als die wenigen Materialien, f\u00fcr die es eine solche Liste gibt. Entscheidend f\u00fcr eine Verbesserung des gesundheitlichen Verbraucherschutzes wird es aus meiner Sicht sein, dass es uns gelingt, allgemeine Kriterien f\u00fcr eine Risikobewertung von Stoffen, die aus Lebensmittelkontaktmaterialien auf Lebensmittel \u00fcbergehen k\u00f6nnen, zu definieren, die dem Stand der Toxikologie und Analytik entsprechen und zudem eine realistischere Expositionsbetrachtung ber\u00fccksichtigen. Es gibt ja deutliche Anzeichen daf\u00fcr, dass das Prinzip der Positivlisten nicht aufrecht zu erhalten ist, weil die Kapazit\u00e4ten amtlicher Risikobewertungsinstitutionen in der EU bei Weitem nicht ausreichen, um in akzeptabler Zeit die enorm gro\u00dfe Zahl an m\u00f6glichen Stoffen aus Lebensmittelkontaktmaterialien zu bewerten und f\u00fcr eine Listung vorzubereiten. Eine Risikobewertung von Stoffen in der Verantwortung der Lebensmittelunternehmer nach gesetzlich festgelegten Prinzipien und Verfahren und &nbsp;mit amtlicher \u00dcberwachung w\u00e4re nach meiner Einsch\u00e4tzung eine funktionierende und sichere Alternative.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wo sehen Sie momentan f\u00fcr Packmittelhersteller besonderen Handlungsbedarf? <\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hersteller und Inverkehrbringer von Lebensmittelkontaktmaterialien m\u00fcssen\n&nbsp;die Konformit\u00e4tsarbeit deutlich detaillierter und intensiver durchf\u00fchren.\nDies ist vor allem f\u00fcr mittelst\u00e4ndische Unternehmen, die ja den Markt\nbeherrschen, eine gro\u00dfe Herausforderung. Gelingen wird dies auch nur, wenn die\nWertsch\u00f6pfungsketten \u00fcbergreifende Zusammenarbeit der Unternehmen weiter\nverbessert wird und mehr Transparenz in der Kommunikation herzustellen ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie grunds\u00e4tzlich die Bedeutung von Grenzwerten, z. B. f\u00fcr spezifische Migrationslimits (SML), ein?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wo Grenzwerte wie SMLs existieren, ist der Nachweis von Konformit\u00e4t und Nicht-Konformit\u00e4t formal nat\u00fcrlich immer deutlich einfacher als ohne solche Ma\u00dfst\u00e4be. Die vorhandenen Grenzwerte st\u00fctzen sich aber nicht alle auf eine Risikobewertung, die heutigen Anspr\u00fcchen noch gen\u00fcgen kann. Insofern muss man sich die Grenzwerte jeweils kritisch anschauen. Au\u00dferdem ist das Aufstellen von gesetzlichen Grenzwerten an komplizierte formale und amtliche Verfahren gebunden, die weder der Anzahl der zu bewertenden Stoffe noch dem Tempo der Innovation gerecht werden k\u00f6nnen. Insofern ist das Konzept der Grenzwerte im Bereich der Lebensmittelkontaktmaterialien zwar komfortabel f\u00fcr alle, die Konformit\u00e4t nachweisen oder \u00fcberwachen m\u00fcssen, es ist aber vermutlich nicht das Mittel der Wahl, um den Verbraucherschutz in diesem Bereich mittelfristig weiter zu verbessern. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Sie referieren \u00fcber \u201eMikroplastik &#8211; kleine Partikel und gro\u00dfes Problem?\u201c &nbsp;Was bewegt Sie besonders in diesem Zusammenhang?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Als Naturwissenschaftler bewegen mich an diesem Thema vor allem die vielen unbeantworteten wissenschaftlichen Fragestellungen. Das f\u00e4ngt mit einer klaren Definition f\u00fcr Mikroplastik an und geht \u00fcber \u00f6kologische und gesundheitliche Bedeutung sowie analytische Herausforderungen hin zu Optionen der Vermeidung. Was mich an dem Thema auch bewegt, ist das enorme Potential einer Emotionalisierung. Unsere Aufgabe als Naturwissenschaftler ist neben der Beantwortung der wissenschaftlichen Fragen auch, die Diskussion immer wieder so weit wie m\u00f6glich auf einen sachlichen Teppich zur\u00fcckzuholen und politischen Aktionismus ohne wissenschaftliche Begr\u00fcndung &nbsp;nach Kr\u00e4ften zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Bei Mikroplastik denken  die Verbraucher vor allem an Marine-Littering und in erster Linie an die  Verpackungsbranche. Als erste Quelle von Mikroplastik wird allerdings der Abrieb von Autoreifen angesehen, der rund ein Drittel der gesamten Mikroplastik-Emissionen darstellt. M\u00fcssen wir zur\u00fcck zu Pferd und Kutsche? Und ist die Verpackungsindustrie nur der S\u00fcndenbock?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dies ist schon ein erster Effekt der Emotionalisierung. Es ist bereits belegt, dass Mikroplastik in Gew\u00e4ssern \u00fcberwiegend auf Abrieb aus Fahrzeugbereifung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist und dass Verpackungen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Aber das Bild von einem Berg schmutziger PET-Flaschen, die am Ufer eines brackigen Gew\u00e4ssers d\u00fcmpeln, ist nun einmal viel einpr\u00e4gsamer und im Fernsehbild einfacher darzustellen als kaum sichtbarer Reifenabrieb. Nichts gegen Reitsport und eine sch\u00f6ne Ausfahrt mit der Kutsche, aber ein Weg zur\u00fcck, wenn es ihn \u00fcberhaupt gibt, ist niemals die L\u00f6sung. Wir m\u00fcssen nach vorne gehen, die Thematik sachlich und wissenschaftlich fundiert aufarbeiten und geeignete L\u00f6sungen entwickeln. Dabei kann ein Blick zur\u00fcck auf Mittel und Wege, die der Vergangenheit angeh\u00f6ren und vergessen sind, allerdings nicht schaden. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Wof\u00fcr begeistern Sie sich neben Ihren beruflichen Aufgaben?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Obgleich\nich ein echter Flachlandindianer bin, begeistern mich seit meiner Kindheit die\nBerge. Dort &nbsp;bewege ich mich zu Fu\u00df, auf Skiern oder mit dem Fahrrad und\ngenie\u00dfe die gro\u00dfartige Landschaft. Bei schlechtem Wetter oder Dunkelheit lese\nich ein gutes Buch oder h\u00f6re Musik. Wenn ich bei all dem meine Familie um mich\nhabe, fehlt mir eigentlich gar nichts. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sind Sie beruflich mit gesetzlichen Forderungen hinsichtlich Verpackungen befasst? Ich besch\u00e4ftige mich seit mehr als 25 Jahren mit der Konformit\u00e4tsbeurteilung von Materialien und Gegenst\u00e4nden, die f\u00fcr den Kontakt mit Lebensmitteln bestimmt sind. 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