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Stefan Munz über Orientierungshilfen zur Bemessung der Recyclingfähigkeit

Mit Ihrem Thema „Gut für’s Recycling – schlecht für’s Geschäft?“ leisten Sie einen Beitrag zu unserer Tagung Umwelt- und umfeld-gerechte Kunststoffverpackungen durch Kreislaufwirtschaft im Mai in Würzburg. Was genau werden Ihre Kernaussagen sein?

Ich werde in meinem Vortrag zeigen, wie die Bemessung der Recyclingfähigkeit von Verpackungen auf Basis der Orientierungshilfe von Umweltbundesamt und Zentraler Stelle Verpackungsregister in der Praxis funktioniert. Wir werden auf dieser Basis die These ‘‘Gut für’s Recycling – schlecht für’s Geschäft?‘‘ überprüfen und feststellen, dass es einen ganz erheblichen Entwicklungsbedarf für das Recycling von Kunststoffverpackungen gibt. Weder das Verpackungsrecht noch die Recyclingtechnik konnten mit der rasanten Weiterentwicklung der Kunststoffverpackungen mithalten. Die beiden Industrien trennen gefühlt gut zwanzig Jahre. Zum Schließen dieser Innovationslücke ist jedoch auch der politische Wille erforderlich. Freiwillige Maßnahmen von Industrie und Handel werden nicht ausreichend sein, um den aktuellen Fehlentwicklungen entgegen zu steuern. Das Verpackungsrecht muss kurzfristig novelliert werden. Unsere Änderungsvorschläge werde ich konkret benennen.

Die Kunststoffverpackung dient in erster Linie dem Produktschutz und beugt somit Lebensmittelverschwendung vor. Trotzdem tendieren Medien und auch die öffentliche Meinung in jüngster Vergangenheit immer mehr zu Negativ-Darstellungen von Verpackungen insgesamt. Neben Umweltrisiken werden auch immer wieder Gesundheitsrisiken bemängelt. Wie schätzen Sie das Aufwand-Nutzen-Verhältnis von Verpackungen allgemein und von Kunststoffverpackungen insbesondere ein?

Ich war mir als Verbraucher bislang sicher, dass von Verpackungen mit Lebensmittelzulassung keine Gesundheitsgefahren ausgehen. Sollte dem aber nicht so sein, dann wäre das nicht zu entschuldigen. Ich möchte jedenfalls mehr über die Wirkung von Mikroplastik in der Nahrungskette wissen.

Das tatsächliche Aufwand-Nutzen-Verhältnis von Verpackungen ist eine Frage des Einzelfalls. In Summe wird zu viel verpackt. Das ist nicht zu bestreiten. Nach wissenschaftlichen Kriterien macht es aber tatsächlich wohl Sinn, Gurken zu folieren. Politik und Verbraucher sehen das aber ganz anders. Die Bewertung findet deshalb an der Theke statt. Plastik ist das neue Rauchen. Und das wird Wirkung auf die Sortimente des Handels haben. Sortimentsentscheidungen werden aber leider nicht immer rational getroffen. Bestes Beispiel dafür ist die Substitution von gut recycelbaren Kunststofftragetaschen durch solche aus Papier. Deren schlechtere Öko-Bilanz wurde dabei außer Acht gelassen.

Deutschland belegt mit 220,5 kg produziertem Verpackungsmüll pro Einwohner und Jahr einen traurigen Spitzenplatz in Europa (zum Vergleich: Der EU-Mittelwert liegt bei 167,3 kg). Welche Besonderheit steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Zahl?

Wenn ich mich in französischen Supermärkten umsehe, dann verwundert mich der deutsche Spitzenplatz schon. Dort scheint mir noch mehr verpackt zu werden als bei uns. Ich kann deshalb nur spekulieren. Vielleicht verdanken wir diese Position der Urbanisierung und unserem Hang zur Convenience-Küche. Vielleicht aber auch nur unserer speziellen Datenlage und Verpackungsdefinition. Wie auch immer: Die Steigerung der deutschen Verpackungsmenge ist dramatisch. Wir müssen feststellen, dass die Instrumente des Verpackungsrechts weitestgehend versagt haben. Beim Verpacken schlägt immer häufiger das Marketing den Umweltschutz. Für den Sinn des Verpackungsgesetzes scheint sich kaum noch jemand zu interessieren. Denn da heißt es, dass Verpackungen auf ein Mindestmaß zu reduzieren sind. In der Praxis erscheint diese Regelung jedoch eher wie ein frommer Wunsch des Gesetzgebers.

Sie sehen in der Aufgabe, die uns das Verpackungsgesetz mit höheren Recyclingquoten auferlegt, eine Chance für die Branche – warum?

Höhere Recyclingquoten sind gut. Diese zu erfüllen, erfordert jedoch Investitionen in moderne Sortier- und Verwertungstechniken. Es wäre richtig, die dazu erforderlichen Investitionen verursachergerecht zu finanzieren. Schlecht verwertbare Verpackungen müssen einen höheren Beitrag leisten als gut recyclebare Verpackungen. Die Mehrbelastung muss dabei jedoch deutlich sein, damit es zu einem Innovationsschub bei der Verpackungsentwicklung und insbesondere bei der Entwicklung recyclingfähiger Barriere-Schichten kommt. Der Einsatz schlecht recyclebarer Verpackungen muss unwirtschaftlich werden.

Der § 21 des neuen Verpackungsgesetzes sollte genau das fördern. Dabei hat man allerdings auf naheliegende und stützende Regelungen verzichtet und lieber den dualen Systemen den schwarzen Peter zugeschoben. Diesen fehlt jedoch jeder kartellrechtliche und auch finanzielle Spielraum zur wirksamen Preisdifferenzierung. Solange alle Kunststoffverpackungen in einem Lizenztopf landen, läuft die Regelung des § 21 ins Leere. Wir fordern schon lange, das noch im laufenden Jahr zu ändern.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat einen „5-Punkte-Plan“ mit Maßnahmen für weniger Kunststoff und mehr Recycling vorgestellt. Dieser sieht gesetzliche und freiwillige Maßnahmen zur Vermeidung von Plastik vor. Sie hat kein Verständnis dafür, wenn Gurken in Folien eingeschweißt und Obst und Gemüse in Kunststoffverpackungen abgepackt sind. Unter anderem soll mehr Ware unverpackt angeboten und private Mehrweg-Behälter an der Frischetheke ermöglicht werden. Dass Folienverpackungen dem Produktschutz dienen und der Lebensmittelverschwendung vorbeugen, scheint sie dabei nicht zu bedenken. Was halten Sie von diesem Plan?

Ich halte diesen Plan für unzureichend. Er hat mit der Lebenswirklichkeit in unserer Gesellschaft nicht viel zu tun. Unverpackt-Läden und die – hoffentlich gut gereinigte – Brotdose für den täglichen Einkauf an der Theke (von denen es immer weniger gibt) sind in einem ganz begrenzten Umfang und meist im urbanen Umfeld sinnvoll, können aber das Problem nicht lösen. Wenn sie sechs Kilometer mit Ihrem SUV zum nächsten Unverpackt-Laden fahren, haben Sie zwar Verpackungen gespart, der Umwelt insgesamt aber einen Bärendienst erwiesen.

Zum Glück kommt der Druck aus Brüssel. Teile des Handels sind ohnehin bereits weiter als die Ministerin. Sie machen Druck auf ihre Lieferanten und fordern diese auf, die Recyclingfähigkeit ihrer Verpackungen zu ermitteln und zu verbessern. Die Umstellung von Verpackungen, Sortimenten und Logistik benötigt Zeit. Allerdings darf dieses Zeitfenster nicht unbegrenzt offenstehen. Auch hätte ich mir – in Anlehnung an den Flottenverbrauch für PKW-Hersteller – eine gesetzliche Vorgabe zur Recyclingfähigkeit der Gesamtsortimente von Herstellern und Vertreibern gewünscht. Das schafft den nötigen Druck, das Recycling zu verbessern und eigenverantwortlich sinnvolle Prioritäten zu setzen. Der Vertreiber könnte bei diesem Modell abwägen und seine Weintrauben aus Südafrika auch weiterhin verpackt anbieten. Denn das kann er sich leisten, weil er z. B. auf die Umverpackung seines Zahnpasta-Sortiments verzichtet hat. Diese Kennzahl der Recyclingfähigkeit des Gesamtsortimentes wäre leicht überprüfbar und ein Aushängeschild im Wettbewerb von Handel und Industrie.

Ist Recycling für Sie der richtige Weg raus aus der Packmittel-Diskussion?

Wenn man Verbote verhindern will, dann ist das der wichtigste Pfad. Aber auch die Hersteller von Verpackungen dürfen nicht weiter an den Möglichkeiten der Entsorgungswirtschaft vorbei entwickeln und sollten die Recyclingfähigkeit zum gleichberechtigten Entwicklungsziel erheben.

Die Kunststoffindustrie setzt weltweit fast 1 Milliarde EUR täglich um. Da sollte es Budgets geben, um an der Verbesserung des Kunststoff-Recyclings zu arbeiten.

Welche Maßnahmen müssen die „Inverkehrbringer“ von Verpackungen ergreifen, um eine ausgewogenere Diskussion zu erreichen?

Die Aufgabe richtet sich an das Top-Management. Verpackungsstrategien müssen Chef-Sache werden und dürfen nicht nur Kosten-Kriterien und Marketing-Aspekte enthalten. Jedem Unternehmen sollte daran gelegen sein, den Grad der Recyclingfähigkeit jeder seiner Verpackungen – und damit die seines Gesamtsortiments – zu kennen und sie auch zu veröffentlichen. Auf einer solchen Basis lassen sich konkrete Verbesserungsziele setzen und deren Erreichung überprüfen und berichten. Das wäre ein Schritt für mehr Glaubwürdigkeit. Dazu gehört auch der vermehrte Einsatz von Recyclingkunststoffen.

Es wäre auch wichtig, dass sich Verpackungshersteller und Recyclingwirtschaft besser abstimmen. Die neu geschaffene Zentrale Stelle Verpackungsregister entwickelt derzeit – auch unter Einbindung dieser Akteure – einen Mindeststandard zur Recyclingfähigkeit von Verpackungen. Ich hoffe, dass dieser Prozess zu sinnvollen und zukunftsfähigen Ergebnissen kommt. Bei der unterschiedlichen Interessenlage keine einfache Aufgabe. Ich befürchte aber eher faule Kompromisse.

Was denken Sie, wie wir in 20 Jahren einkaufen? Wie werden umwelt- und umfeldgerechte Verpackungen in 10 oder sogar 20 Jahren aussehen?

In zwanzig Jahren werden wir nicht mehr über Multi- oder Omni-Channel reden. Zukunftsforscher sagen voraus: Im No-Line-Commerce werden online- und offline-Welten zu einem grenzenlosen Shoppingerlebnis verschmelzen. Jeder kann zu jeder Zeit alles kaufen. Produkt-Informationen werden überall verfügbar sein. Verbesserte Mobilfunkstandards und Endgeräte sowie moderne Logistikkonzepte werden das ermöglichen. Der Convenience-Bereich wird weiter wachsen, die personalintensive Frische-Theke wird zur Rarität.

Die Entsorgung wird dann Multi-Channel sein. Ausgediente Waren, die keinen Nutzwert mehr haben, aber noch einen Rohstoffwert besitzen, werden online gehandelt und nicht mehr nur an der Straße entsorgt. Der Recy-Commerce wird sich als Geschäftsmodell des Urban Mining etabliert haben.

Bei der Verpackungsentsorgung bleibt es bei der Getrenntsammlung im Haushalt. Die Digitalisierung wird die Verpackungsentsorgung jedoch in den nächsten 10 bis 20 Jahren revolutionieren. Verpackungen werden dann kryptographisch generierte Kennzeichen tragen, die eine viel bessere Sortierung und damit Verwertung ermöglichen als dies heute der Fall ist. Duale Systeme wird es nicht mehr geben. Die individuelle Kennzeichnung jeder einzelnen Verpackung ermöglicht zukünftig die stückgenaue und direkte Abrechnung zwischen dem sortierenden Recyclingunternehmen und dem Inverkehrbringer. Daran arbeiten wir von Clover schon heute.

In fünfzig Jahren werden Verpackungen dann endlich der Natur nachempfunden sein. Sie sind dann so intelligent und kreislauffähig wie die Bananenschale es heute bereits ist.

Achten Sie auf eine optimale Verpackung, wenn Sie privat einkaufen? Und wie sieht die für Sie aus?

Ich achte sehr darauf und bespreche das auch mit meinen Kindern. Unsere Lieblingsäpfel werden leider nur verpackt angeboten. Wir können sie deshalb nicht mehr kaufen.

Wie genau nehmen Sie es persönlich mit der Mülltrennung? Und wie wichtig stufen Sie als Verbraucher und Fachmann die Mülltrennung ein?

Verpackungen, von denen ich als Insider weiß, dass sie nicht recyclebar sind, werfe ich direkt zum Restmüll. Leider gibt es auch in unserem Haushalt noch zu viele davon. Auf das Sushi-Angebot vom Discounter verzichte ich schon lange.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was begeistert Sie außerhalb Ihres Berufes?

Kinder! Und deren schlechte CO2-Bilanz ist mir dabei völlig egal.

Stefan R. Munz ist Techniker mit Schwerpunkt Umweltschutz und Verfahrenstechnik und gilt als ausgewiesener Innovationsexperte der Entsorgungswirtschaft. Vor Gründung der Clover Sustainability Services GmbH & Co. KG im April 2017 hat sich Munz mit seiner Unternehmung fünfzigfriesen – Büro für Innovation einen Namen gemacht.
Vor seiner unternehmerischen Tätigkeit verantwortete er das Innovationsmanagement bedeutender Entsorgungsunternehmen, für die er u. a. auch die Umsetzung des Dosenpfandes und die Zulassung als Duales System verantwortete. In den 2000er Jahren erzielte er durch eine Reihe von erfolgreichen Innovationen und systematischen Geschäftsmodellen hohe Anerkennung in der Entsorgungsbranche. Seine beruflichen Wurzeln hat Stefan R. Munz in einem Handelskonzern, im Marketing und in der Beratung.

Sein Motto: „Innovation ist keine Garantie gegen das Scheitern – aber ohne Innovation ist das Scheitern garantiert‘‘.