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Jochen Mößlein – Alle Kunststoffverpackungen könnten durch Tracer mit einer kleinen Druckfläche spezifikationsgerecht sortiert werden

Mit Ihrem Thema „Tracer Based Sorting identifiziert jedes Packmittel recyclinggerecht“ leisten Sie einen Beitrag zu unserer Tagung Umwelt- und umfeldgerechte Kunststoffverpackungen durch Kreislaufwirtschaft im Mai in Würzburg. Was genau werden Ihre Kernaussagen sein?

Alle Kunststoffverpackungen können durch unsere Fluoreszenzpartikel so markiert und sortiert werden, dass sie bestmöglich und ohne aufwendige Aufbereitung wiederverwendet werden können. Eine solche Fraktion können z. B. alle PE-Verpackungen im Personal-Care-Bereich, also Duschmittel, Shampoos und dergleichen, sein. In diesem Sinne wäre es möglich, in die Untergruppen der Hauptpolymere zu differenzieren.

Die Fluoreszenzpartikel können durch unsere spezielle Technologie als Sortiercode aufgesetzt werden. Ein kleiner aufgedruckter (Logo-) Punkt auf jeder Verpackung würde reichen, um den Sortiercode jeder Verpackung zu detektieren und alle Verpackungen dieser Fraktion sortenrein abzulegen. Der markierte Sortiercode-Punkt kann durch eine zentrale Stelle vergeben werden und gleichzeitig zur Kontrolle der Lizenzgebühr genutzt werden. Studien kommen zum Ergebnis, dass für 20 bis 40 % der Verpackungen keine Lizenz bezahlt wird.

Sie stehen für das „Verfolgen“ von Packmitteln und Materialien mittels s. g. Tracer. Welchen Vorteil sehen Sie bezogen auf heutige Techniken wie Nah-Infrarot-Analysen in den Sortieranlagen?

Durch die NIR-Technologie kann nur nach den (5 bis 6) Hauptpolymeren differenziert werden, was bei weitem nicht reicht, um wirtschaftlich sortenreine und spezifikationsgerechte Rezyklate generieren zu können. Die Verpackungen werden zigmal detektiert bzw. gemessen und trotzdem sind die sortierten Fraktionen weder sortenrein noch differenziert genug. Ein weiterer Aspekt ist, dass man durch die präzisere Sortierung mit TBS weitgehend auf eine Nachsortierung von Flakes verzichten könnte.

Wie gesagt, durch Tracer Based Sorting könnte man genau nach den Spezifikationen sortieren, die man zusammen wieder zu einem spezifischen, hochwertig einsetzbaren Granulat compoundieren könnte. Ferner könnte man zwischen Lebensmittel- und Nicht-Lebensmittel-Verpackungen differenzieren, was mit der NIR-Technik überhaupt nicht geht, genauso wie die Differenzierung nach Brands. Letzterer Aspekt ist sehr wichtig, weil die Brands am besten ihre Versprechen zum Einsatz von Rezyklaten erfüllen können, wenn sie „ihre“ Materialien in konsistenter Weise zurückbekommen können.

Deutschland belegt mit 220,5 kg produziertem Verpackungsmüll pro Einwohner und Jahr einen traurigen Spitzenplatz in Europa (zum Vergleich: Der EU-Mittelwert liegt bei 167,3 kg). Welche Besonderheit steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Zahl?

Ich vermute, dass der spezifische Verpackungsverbrauch in erster Linie mit der Wohlfahrt und dem spezifischen Konsum korreliert. Die Deutschen an sich sind durchaus verhältnismäßig umweltbewusst. Hinzu könnte kommen, dass der Trend zu kleinen Haushalten in Deutschland im europäischen Vergleich ausgeprägt ist.

Das Verpackungsgesetz soll Verpackungsmüll reduzieren oder anders gesagt Packmittelnutzen verbessern. Wie sieht Ihre Empfehlung zu diesem Themenkomplex aus?

Wenn man ehrlich rechnet, liegt die werkstoffliche Recyclingquote für Kunststoff-Verkaufsverpackungen bei 20 bis 30 %. Um auf 63 % zu kommen, muss „Design for Recycling“ und eine wesentlich bessere Sortierung umgesetzt werden. Ich denke, der Staat muss stärkere Vorgaben machen, die eine Gleichbelastung für alle Akteure sein müssen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat einen „5-Punkte-Plan“ mit Maßnahmen für weniger Kunststoff und mehr Recycling vorgestellt. Dieser sieht gesetzliche und freiwillige Maßnahmen zur Vermeidung von Plastik vor. Sie hat kein Verständnis dafür, wenn Gurken in Folien eingeschweißt und Obst und Gemüse in Kunststoffverpackungen abgepackt sind. U. a. soll mehr Ware unverpackt angeboten und private Mehrweg-Behälter an der Frischetheke ermöglicht werden. Dass Folienverpackungen dem Produktschutz dienen und der Lebensmittelverschwendung vorbeugen, scheint sie dabei nicht zu bedenken. Was halten Sie von diesem Plan?

Dort, wo Verpackungen neben Bequemlichkeit keinen Nutzen stiften, sollte man auf sie verzichten. Zum Beispiel könnte Käse direkt in den privaten Mehrweg-Behälter gegeben werden. Bei vielen Verpackungen geht es aber um Haltbarkeit und Hygiene. Für all diese Verpackungen lösen Design for Recycling und Tracer Based Sorting (TBS) das Plastik-Müll-Problem, weil die beiden Komponenten zusammen eine wirkliche Kreislaufwirtschaft ermöglichen. Wesentliche Grundlage ist die spezifikationsgerechte, sortenreine Sortierung durch TBS, die vermutlich auch wirtschaftlicher sein wird als die jetzige Sortiertechnik. Beim Wiedereinsatz der spezifikationsgerechten Rezyklate kann und soll ein noch zu optimierender Anteil an virginem Kunststoff eingesetzt werden.

Ist Recycling für Sie der richtige Weg raus aus der Packmittel-Diskussion?

Natürlich, deponieren kann keine Alternative sein. Käme noch Verbrennen in Betracht, wobei die Lebenszyklusanalyse für Recycling wohl deutlich besser ist als für das Verbrennen. Ferner werden durch den Umbau der Energiewirtschaft in Richtung erneuerbarer Energien immer weniger Verbrennungskapazitäten erforderlich. Eine weitere Rolle kann chemisches Recycling oder gezielter biologischer Abbau sein. Aber auch für diese Aufbereitungs- und Entsorgungswege ist es sinnvoll, vorher eine effiziente Sortierung zu schalten, so dass sowohl chemisches Recycling als auch der gezielte biologische Abbau einen geeigneten, sortenreinen Inputstrom haben.

Welche Maßnahmen müssen die „Inverkehrbringer“ von Verpackungen ergreifen, um eine ausgewogenere Diskussion zu erreichen?

Konsequentes Design for Recycling und Tracer Based Sorting.

Wie werden umwelt- und umfeldgerechte Verpackungen in 10 oder sogar 20 Jahren aussehen?

Im Sinne von Design for Recycling optimiert, gleichzeitig effizient sortierbar, vermutlich durch TBS, und ausgerichtet auf entweder werkstofflichen Wiedereinsatz, biologischem Abbau oder chemischem Recycling.

Achten Sie auf eine optimale Verpackung, wenn Sie privat einkaufen? Und wie sieht die für Sie aus?

Ich versuche es. Meine Kinder sind da viel konsequenter. Wir kaufen praktisch nur regionale Lebensmittel mit geringen Verpackungen.

Wie genau nehmen Sie es persönlich mit der Mülltrennung? Und wie wichtig stufen Sie als Verbraucher und Fachmann die Mülltrennung ein?

Mittlerweile nehme ich es ziemlich genau. Vor allem habe ich jetzt gelernt, dass man den Alu-Deckel vom Joghurt-Becher abtrennen sollte. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen das z. B. nicht wissen. Die Soziologen sagen, dass man mit etwas mehr an Aufklärung sehr viel erreichen könnte. Von daher bin ich optimistisch, dass die Verpackungen nach Material getrennt und weitgehend intakt bzw. ganz, also nicht in Stücke zerschnitten, im Abfall und dann bei der Sortierung ankommen. Je größer, je monolithischer die Verpackungsartikel, desto besser für die Sortierung.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was begeistert Sie außerhalb Ihres Berufes?

Windsurfen, Snowboarden, Skifahren, Mountain-Biken und auch gute, visionäre Bücher.

Jochen Mößlein studierte Physik an den Universitäten Kiel, Konstanz (Abschluss Diplom) und forschte zusätzlich an der Universität Stanford (Kalifornien/USA). Ferner hat Jochen Mößlein an der Universität Stuttgart BWL studiert (Abschluss Diplom/Zulassung zur Promotion).

Jochen Mößlein hat in den letzten 20 Jahren mehrere Technologieunternehmen als Unternehmer und/oder Investor gegründet, finanziert und/oder gemanagt, darunter ein Solarkollektor-Hersteller, ein Biomasse-Unternehmen und ein Softwareunternehmen. In Bezug auf Exits waren darunter u. a. ein Börsengang (BioTissue AG/Biotechnologie) und ein großer Trade Sale (Camlog AG/Dentalimplantate).

Jochen Mößlein ist Gründer, Gesellschafter und Geschäftsführer der Polysecure GmbH. Er verantwortet insbesondere den Bereich Geschäfts- und Technologieentwicklung. Innovationen unternehmerisch umsetzen, die zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, ist Leidenschaft und Ziel von Jochen Mößlein.