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Albert Kälin über Cradle to Cradle Design Innovationen

Mit Ihrem Thema „Cradle to Cradle Design Innovationen – Rethinking the way me make things“ leisten Sie einen Beitrag zu unserer Tagung Umwelt- und umfeldgerechte Kunststoffverpackungen durch Kreislaufwirtschaft im Mai in Würzburg. Was werden Ihre Kernaussagen sein?

Die Kreislauffähigkeit von Produkten ist bei den meisten leider nicht gegeben. Mehrheitlich sind die Produkte „Ökojunk mit Greenwashing untermauert“ und nicht zukunftsfähig, und als zweites Element sind viele giftige Substanzen enthalten. Diese Produkte sind mittels eines linearen Denkens und Wirtschaftens erstellt worden. Cradle to Grave (von der Wiege ins Grab) – wir müssen einen Paradigmawechsel schaffen und die Rohstoffe in Kreisläufe bringen, und diese müssen für Mensch und Umwelt sicher sein, darum „Safe and Circular“ oder Cradle to Cradle. Das Konzept gibt es seit mehr als 25 Jahren, also eine Generation. Wir müssen daher die Produkte anders konzipieren, und das geht nur über Innovationen. An konkreten Beispielen werden wir aufzeigen, wie es funktioniert.

Die Kunststoffverpackung dient in erster Linie dem Produktschutz und beugt somit Lebensmittelverschwendung vor. Trotzdem tendieren Medien und auch die öffentliche Meinung in jüngster Vergangenheit immer mehr zu Negativ-Darstellungen von Verpackungen insgesamt. Neben Umweltrisiken werden auch immer wieder Gesundheitsrisiken bemängelt. Wie schätzen Sie das Aufwand-Nutzen-Verhältnis von Verpackungen allgemein und von Kunststoffverpackungen insbesondere ein?

Eine Zukunft ohne Plastik wird nicht möglich sein, deshalb müssen Innovationen her, die die Verpackung zukunftsfähig machen, und diese muss mit dem Verpackungsgut qualitativ ebenbürtig sein und nicht giftige Substanzen enthalten. Wir stehen also vor einer riesigen Herausforderung von der Industrie und der Chemie. Wir haben in den letzten 20 Jahren Lösungsansätze geschaffen, wie zum Beispiel Druckfarben für die Verpackung oder biologisch abbaubare Polymere.

Deutschland belegt mit 220,5 kg produziertem Verpackungsmüll pro Einwohner und Jahr einen traurigen Spitzenplatz in Europa (zum Vergleich: Der EU-Mittelwert liegt bei 167,3 kg). Welche Besonderheit steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Zahl?

Das Konzept Cradle to Cradle® kennt keinen Abfall. An diesen Lösungen arbeiten wir, und der Kreislauf kann viel dazu beitragen.

Sie sind das Gesicht zu Cradle to Cradle in Europa und vielen Projekten. Erste Kunststoffverpackungen sind nun schon nach Ihrem System zertifiziert. Welchen großen Nutzen bringt ein solches Zertifikat für das Design für Kreislaufwirtschaft?

Prof. Michael Braungart ist der Visionär von Cradle to Cradle. Ich habe 1992 das erste Produkt weltweit mit ihm und McDonough zusammen geschaffen, vor über 27 Jahren. Eine Zertifizierung für Kreisläufe gibt es, es ist die Cradle to Cradle Certified™ Zertifizierung. Wir haben diese 2006 mit der Industrie entwickelt. Mittlerweile ist diese global, eine Produktzertifzierung über alle Industrien, aber kein Ökolabel, denn wir definieren nicht nach Grenzwerten, wir wollen wissen was drin ist. Gefordert ist die Bewertung aller Inhaltstoffe >100 ppm (0.01%). Per Gesetz ist die Industrie gefordert, die kritischen Substanzen über 1000 ppm (0.1%) anzugeben. Die Zertifizierung schafft also Transparenz. In einer PET Flaschen Verpackung haben wir bis zu 200 chemische Inhaltstoffe!!!!!! Wir entdecken da einige interessante Überraschungen, mehr anlässlich des Vortrages.

Das Verpackungsgesetz soll Verpackungsmüll reduzieren oder anders gesagt, Packmittelnutzen verbessern. Wie sieht Ihre Empfehlung zu diesem Themenkomplex aus?

Das geht in die richtige Richtung, aber der Qualitätsansatz der Inhaltstoffe fehlt noch. Vom Ziel einer Verpackung der Zukunft sind wir aber mit dem Verpackungsgesetz noch weit entfernt. Es braucht eine andere Dimension von Innnovationen, diese können nur von der Industrie geschaffen werden. In unserer Rolle als Wissens- und Innovationstreuhänder helfen wir dabei.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat einen „5-Punkte-Plan“ mit Maßnahmen für weniger Kunststoff und mehr Recycling vorgestellt. Dieser sieht gesetzliche und freiwillige Maßnahmen zur Vermeidung von Plastik vor. Sie hat kein Verständnis dafür, wenn Gurken in Folien eingeschweißt und Obst und Gemüse in Kunststoffverpackungen abgepackt sind. U. a. soll mehr Ware unverpackt angeboten und private Mehrweg-Behälter an der Frischetheke ermöglicht werden. Dass Folienverpackungen dem Produktschutz dienen und der Lebensmittelverschwendung vorbeugen, scheint sie dabei nicht zu bedenken. Was halten Sie von diesem Plan?

Wir sind in der „Zwickmühle“, ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen. Nur mit Innovationen mit neuen Polymeren und der „sicheren“ Chemie ist dies zu schaffen.

Ist Recycling für Sie der richtige Weg raus aus der Packmittel-Diskussion?

Wenn die Kunststoffe toxisch sind, ist Recycling Downcycling.

Welche Maßnahmen müssen die „Inverkehrbringer“ von Verpackungen ergreifen, um eine ausgewogenere Diskussion zu erreichen?

Die Probleme konkret angehen, ohne „Vernebelungsaktionen“ wie das Plastikverbot oder biobased. Mit der flexiblen Verpackungsinnnovation mit Werner & Mertz (Marke Frosch) und dem DSD und Mondi haben wir ein Beispiel geschaffen, wie es gehen könnte. Werner & Mertz versucht ja auch den Schulterschluss mit den Marktbegleitern, dies ist aber nicht so einfach wie sich zeigt. Innovationen können heute nur über Netzwerke von Partnern geschaffen werden, denn es geht um Kreisläufe und einen holistischen Ansatz, das schafft man nicht allein.

Wie werden umwelt- und umfeldgerechte Verpackungen in 10 oder sogar 20 Jahren aussehen?

Eine Welt ohne Plastik kann es nicht geben, wir verfügen nicht über ausreichende Rohstoffe. Verpackungen werden zukunftsfähig sein für die kommenden Generationen, wir werden deren Sinnhaftigkeit wahrnehmen und schätzen, denn sie leisten einen Beitrag für unsere Gesellschaft.

Wie genau nehmen Sie es persönlich mit der Mülltrennung? Und wie wichtig stufen Sie als Verbraucher und Fachmann die Mülltrennung ein?

Wie Sie wissen, bin ich Schweizer und wohne auch dort. Da bin ich in einem System eingebunden, aus dem ich nicht ausscheren kann. Die Schweiz ist Weltmeister im PET-Recyceln, ist Weltmeister im Abfall erzeugen (>700 kg/Person) und wir sind Weltmeister im Verbrennen. Und Cradle to Cradle kennt keinen Abfall, und Verbrennen ist „NoGo“. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum ich immer noch nach über 25 Jahren für dieses Konzept versuche zu überzeugen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was begeistert Sie außerhalb Ihres Berufes?

Meine Partnerin ist eine begeisterte Golferin. Ich habe jetzt auch seit ein paar Jahren ein Handicap und verbringe entsprechend viel Zeit in der Natur und mit Freunden.


Albin Kälin ist Gründer und Geschäftsführer der 2009 gegründeten EPEA Switzerland GmbH. Er forciert Cradle to Cradle® Projekte in allen Industrien im Alpenraum, insbesondere in der Schweiz und in Österreich, und entsprechend seiner Kernkompetenz in der Textilindustrie weltweit.

Von 1981 bis 2004 war er Geschäftsführer der Rohner Textil AG in der Schweiz. Unter seiner Leitung gewinnt das Unternehmen seit den 90er Jahren 19 internationale Auszeichnungen und Designpreise und übernimmt dadurch in ökologischen und ökonomischen Belangen eine weltweit anerkannte Pionierrolle.

Auf seine Initiative hin lässt sich das Unternehmen 1996 nach ISO 14001 und EMAS zertifizieren. Zugleich regt er 1993 die Entwicklung der Produktlinie Climatex® (www.climatex.com) und somit der ersten Cradle to Cradle® Produkte weltweit an.

Albin Kälin wird 2001 mit der UBS Key Trophy als Rheintaler Unternehmer des Jahres ausgezeichnet.

Von 2005 bis Ende 2009 übernimmt er die Geschäftsführung der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg.

Mit der Unterstützung der Wissenschaftler betreibt er von 2007 an zusätzlich intensiv den Aufbau des Geschäftsfeldes Cradle to Cradle® in den Niederlanden. Er übernimmt auch dort das Mandat des Geschäftsführers der 2008 gegründeten EPEA Nederland GmbH. Mit der Gründung der EPEA Switzerland GmbH gab er die Geschäftsführung von EPEA in Hamburg und den Niederlanden ab.