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Venkateshwaran Venkatachalam über Biokunststoffe und ihre Nachhaltig- und Kreislauffähigkeit

Mit Ihrem Thema „Biokunststoffe – nachhaltig, fortschrittlich, kreislauffähig?“ leisten Sie einen Beitrag zu unserer Tagung Umwelt- und umfeldgerechte Kunststoffverpackungen durch Kreislaufwirtschaft im Mai in Würzburg. Was genau werden Ihre Kernaussagen sein?

a) Es gibt nicht den einen nachhaltigen Werkstoff und nicht die eine nachhaltige Verpackung. Jedes Produkt gehört auf den Prüfstand.

b) Nachhaltigkeit ist ein Drei-Säulen-Prinzip, eine davon ist die ökobilanzielle Betrachtung.

c) Biokunststoffe sind Kunststoffe, ob und wann sie nachhaltig sind, entscheidet ihre jeweilige Anwendung!

Biokunststoffe werden oft als Heilbringer für die Probleme der viel diskutierten Plastikkontamination unseres Planeten
genannt . Wie schätzen Sie das Potenzial der Biokunststoffe zur sinnvollen Substitution konventioneller Kunststoffe hinsichtlich Packmitteln ein?

a) Grundsätzlich vertritt das IfBB (Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe) natürlich die Auffassung, dass dort, wo es möglich ist, an erster Stelle die Vermeidung stehen sollte. Substitution konventioneller Kunststoffe durch Biokunststoffe muss in jedem Einzelfall geprüft werden, das Allheilmittel für unser „Vermüllungsproblem“ kann nur unser Umgang mit Müll sein.  Für das Littern, also das unkontrollierte Entsorgen von Müll, sehen wir durchaus wirkungsvolle Einsatzbereiche für Biokunststoffe. Das IfBB befasst sich zunehmend auch mit dem Thema „Marine Litter“. Hier gilt es zu prüfen, ob konventionelle Kunststoffe durch biobasierte, im marinen Bereich abbaubare Kunststoffe, ersetzt werden können. Der Forschungs- und Entwicklungsbereich ist allerdings noch groß.

b) Für die Verpackungen gilt, was auch für konventionelle Kunststoffe gilt: möglichst umfangreiche Kaskadennutzung. Neue Verpackungen aus neuartigen (Bio)Kunststoffen bieten hier Potenziale. Und im Sinne der Nachhaltigkeitsbewertung kann der Rohstoff zur Herstellung des Kunststoffes durchaus entscheidend sein.

Deutschland belegt mit 220,5 kg produziertem Verpackungsmüll pro Einwohner und Jahr einen traurigen Spitzenplatz in Europa (zum Vergleich: Der EU-Mittelwert liegt bei 167,3 kg). Welche Besonderheit steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Zahl?

Persönliche Meinung: Verändertes Konsumentenverhalten, das sich an unserem hohen Lebensstandard orientiert, nun aber zu einem Problem wird mit dem Ergebnis, sich auf alt Bewährtes zu besinnen: Weg von Einweg, hin zu Mehrweg.

Das Verpackungsgesetz soll Verpackungsmüll reduzieren oder anders gesagt Packmittelnutzen verbessern. Wie sieht Ihre Empfehlung zu diesem Themenkomplex aus?

Wir müssen uns bereits bei der Entwicklung von Verpackungen mit deren End-of-Life Optionen beschäftigen. Mehr Monomaterialien, die ein sortenreines Recycling erlauben und damit Ressourcenschonung ermöglichen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat einen „5-Punkte-Plan“ mit Maßnahmen für weniger Kunststoff und mehr Recycling vorgestellt. Dieser sieht gesetzliche und freiwillige Maßnahmen zur Vermeidung von Plastik vor. Sie hat kein Verständnis dafür, wenn Gurken in Folien eingeschweißt und Obst und Gemüse in Kunststoffverpackungen abgepackt sind. U. a. soll mehr Ware unverpackt angeboten und private Mehrweg-Behälter an der Frischetheke ermöglicht werden. Dass Folienverpackungen dem Produktschutz dienen und der Lebensmittelverschwendung vorbeugen, scheint sie dabei nicht zu bedenken. Was halten Sie von diesem Plan?

Letztlich baut der Plan auf die EU-Strategie des vergangenen Jahres auf. Ein guter Ansatz aus Sicht des IfBB, dessen Auseinandersetzung mit dieser Strategie in einem Webinar (https://webconf.vc.dfn.de/ph5e7wb6k6ac/) behandelt wurde. Und dennoch fehlt es nach wie vor an sachlicher Aufklärung auf vielen Ebenen. Aus diesem Grund widmet sich das IfBB als Forschungseinrichtung vermehrt der Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation.

Ist Recycling für Sie der richtige Weg raus aus der Packmittel-Diskussion?

Ja, das IfBB verfolgt auch für Biokunststoffe den Ansatz des Recyclings. Mülltrennung und -aufbereitung sind der richtige Ansatz für eine gelungene Kreislaufwirtschaft. Müll ist hierzulande ein wichtiger „Rohstoff“ und sollte der Wiederverwertung zugeführt werden.

Welche Maßnahmen müssen die „Inverkehrbringer“ von Verpackungen ergreifen, um eine ausgewogenere Diskussion zu erreichen?

Sie müssen die Verpackungen unmissverständlich mit Informationen kennzeichnen, die dem Verbraucher aufzeigen, wie er den Müll trennen muss, damit „Fehlwürfe“ weitestgehend reduziert werden und reine Stoffströme entstehen.

Wie werden umwelt- und umfeldgerechte Verpackungen in 10 oder sogar 20 Jahren aussehen?

Meine Utopie ist, dass wir Marker für intelligente Verpackungen entwickeln.

Wie genau nehmen Sie es persönlich mit der Mülltrennung? Und wie wichtig stufen Sie als Verbraucher und Fachmann die Mülltrennung ein?

Ich achte persönlich sehr darauf, Müll richtig zu trennen und halte dies für besonders wichtig. Ich muss aber feststellen, dass allein aufgrund von Multilayer-Verpackungen eine sortenreine Trennung oft nicht möglich ist.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was begeistert Sie außerhalb Ihres Berufes?

Außerhalb meines Berufs bin ich begeistert von Kunst aus verschiedenen Kulturen.

Venkateshwaran Venkatachalam (M.Sc.), geboren 1989, studierte zunächst Chemieingenieurwesen und arbeitete zwei Jahre als Prozessingenieur bei einem Aluminiumhersteller in Indien.  Danach machte er seinen Master in Umwelt- und Verfahrenstechnik mit den Schwerpunkten Nachhaltigkeit und Abfallwirtschaft an der Universität Stuttgart. Seine Masterarbeit befasst sich mit der Ökobilanzierung von Autobauteilen aus biobasierten Kunststoffen bei Contitech, Hannover. Seit 2016 arbeitet er für das Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe (IfBB) an der Hochschule Hannover als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er ist dort zuständig für die Nachhaltigkeitsbewertung von Biokunststoffen und Bioverbundwerkstoffen.